HOME › Klima › Expertengespräche › Klimawandel und Naturkatastrophen
Klimawandel und Naturkatastrophen
vdd-Expertengespräch 2001, Berlin, mit dem Titel: Naturkatastrophen und Klimaveränderung Trends, Auswirkungen und mögliche Gegenmaßnahmen sowie deren Anforderungen an Dachabdichtungen für die Zukunft.
Der vdd Industrieverband Bitumen-Dach- und Dichtungsbahnen e.V. lud zum Expertenfrühstück in die Hauptstadt ein.
Naturkatastrophen und Klimaveränderung waren das Thema. Diskutiert wurde über Trends, Auswirkungen und mögliche Gegenmaßnahmen sowie deren Anforderungen an Dachabdichtungen für die Zukunft.
Ende Juni traf sich auf Einladung des vdd Industrieverband Bitumen-Dach- und Dichtungsbahnen e.V. eine Expertengruppe aus Bitumendachbahnenindustrie, Versicherungswirtschaft, Verband und Presse. Es wurde über das Thema globale Naturkatastrophenzunahme sowie über Klimaveränderung diskutiert. Weiter waren die zukünftigen Anforderungen an Dachabdichtungen Gesprächsstoff.
Ein wesentliches Ergebnis der Expertenrunde: In Zukunft müssen Bauwerke und Dachabdichtungen wesentlich extremeren Umweltbedingungen und Klimaveränderungen Stand halten. Dr. Rainer Henseleit, Geschäftsführer des vdd, verdeutlichte: "Wir bauen heute mit dem Wissen aus der Vergangenheit. Wir müssen aber heute schon alle Daten und alles Wissen aus Klimaforschung etc. extrapolieren und das Ergebnis dann für die Zukunft umsetzen". Das vom vdd initiierte Thema: "Klimaveränderung" ist eine wichtige Überlegung für das Zukunftsdach!
Das Klimaphänomen "El Niño" sowie die allgemeine Erwärmung, steigende Niederschlagshäufigkeit und spektakuläre Hagelschläge gingen in der Vergangenheit selten durch die Medien. Heute, mit dem Bewusstsein für die globale Klimaveränderung, stellt sich die Frage: Wie ist die tatsächliche Entwicklung von auffälligen Klimaereignissen und Naturkatastrophen? Dipl.- Meteorologe Dr. Gerhard Berz von der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft war bei dieser Frage natürlich in seinem Element: "Wenn man sich die letzten Jahrzehnte anschaut, dann ist es absolut augenfällig, dass die Naturkatastrophen dramatisch zunehmen." Berz sieht die Ursache klar im Bevölkerungswachstum, in der deutlichen "Verstädterung", aber auch die steigenden Emissionen und der steigende Meeresspiegel tragen merklich dazu bei. Der Dipl.-Meteorologe meinte dazu: "Die Natur hat keine Chance mehr, eine natürliche Regeneration findet nicht mehr statt - über dieses Stadium sind wir längst hinaus". Das Städtewachstum mit dem dort besonders hohen Energieverbrauch ist das wohl größte Problem für unsere Atmosphäre, besonders die Städte in der Dritten Welt wachsen am stärksten. Hier sieht der Meteorologe aber gute Chancen für eine positive Einflussnahme auf das "Städteklima". Gerade hier lassen sich anstatt liebloser Betonwüsten wunderbar begrünte Flachdachlösungen realisieren. Diese können entscheidend dazu beitragen, dass sich in Städten das "Mikroklima" stabilisiert und evtl. sogar verbessern kann. Durch die Dachbegrünung kann außerordentlich viel Wasser zurückgehalten werden; so können auch bei großen Regenmengen die Kanalisationssysteme entlastet werden.
Hochwasser, extreme Hagelunwetter und Zunahme von Gewitterhäufigkeit - müssen wir uns auf veränderte Bedingungen einstellen?
Dipl.-rer. pol. Bert A. Haushofer, Vorsitzender des Ausschusses Öffentlichkeitsarbeit des vdd und Obmann der Abdichtungsnorm DIN 18531, stellte fest: "Bei Unwettern heutzutage handelt es sich oft nicht mehr um einfache Landregen, sondern meist um schwere Regenfälle mit Hagel und Gewitter". Es ist heute möglich, auch die Gewitteraktivitäten genau zu verfolgen. Die Firma Siemens hat in Deutschland ein flächendeckendes System installiert, das mit einer Zeitgenauigkeit von 100 Millisekunden Blitzeinschläge lokalisieren kann. Es besteht eine starke Beziehung zwischen Blitzschlägen und höheren Temperaturen. So ist z.B. an warmen Tagen über 30 Grad Celsius eine Zunahme von Blitzschlägen um über 30% pro Grad feststellbar. Durch Klimaforschung mit Unterstützung der bayerischen Staatsregierung ist als Hauptergebnis für Deutschland vermerkt worden, dass die Sommer sehr viel heißer und trockener werden. Auch bei den Gefahren die von heftigen Gewittern ausgehen, waren sich die Experten einig, dass das Flachdach wohl weniger anfällig gegen Blitzschlag sein dürfte. Berz sagte dazu: "Flachdächer haben weniger Angriffsspitze und sind deswegen wahrscheinlich eine geringere Gefahr." Ist das Dach zusätzlich begrünt, umso geringer ist die Anfälligkeit für Blitzschlag, nahm das Diskussionsteam an.
Bitumenbahnen bieten optimale Sicherheit bei Hagelschlag!
Haushofer konstatierte der Polymerbitumenbahn eine optimale Perforationssicherheit zu - auch die thermischen Belastungen stellen keine Probleme für eine moderne Bitumenbahn dar. "Mit Polymerbitumenbahnen lassen sich sogar Hagelschäden verringern und das könnte sich doch dann positiv auf die versicherten Schadenssummen auswirken", so der engagierte Abdichtungsexperte Haushofer. Dr. Gerhard Berz von der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft betonte: "Dieser Sachverhalt dürfte selbst den Versicherern in dieser Form neu sein und mit Wahrscheinlichkeit ein wesentlicher Faktor, der intensiv diskutiert werden sollte."
Eine Trendumkehr in der Klimaentwicklung ist nicht mehr möglich!
Der Vorstandsvorsitzende des vdd, Paul-Hermann Bauder, resümierte, dass eine Trendumkehr in Sachen Klima gar nicht mehr möglich sei. In dieser Frage waren sich alle Experten einig. Es ist wohl nur noch eine Trendabschwächung realisierbar. "Wir müssen jetzt schon Dächer bauen, die zwar heute noch gar nicht voll beansprucht werden, aber in 50 Jahren dann den Belastungen standhalten", so Bauder. Darüber hinaus forderten die Fachleute, dass sich bei der Bautechnik und den Normenausschüssen etwas ändern müsse bezüglich der zu erwartenden Umwelteinflüsse. "Man muss der Bauwirtschaft ein völlig neues Konstruktionsverständnis vermitteln", machte Dipl. Ing. Günter Höltken von der ARBIT deutlich. Haushofer warnte vor allzu dünnen Dachabdichtungen: "Heute müssen höherwertige Dächer gebaut werden, sie müssen hagelsicher sein". So ist festzustellen, dass z.B. bei dem Hagelunwetter von 1984 in München bei keinem einzigen Bitumendach irgendwelche Schäden zu verzeichnen waren. Aber man diskutierte nicht nur über die evtl. Schäden an Privateigentum, sondern zog auch den Industriebereich mit in das Gespräch ein. So seien die Schadenspotentiale im kommunalen und im Industriebereich oft wesentlich höher. Berz mahnte an: "Wenn ein Dach im Industriebereich leckt, dann können wertvolle Produktionsanlagen kaputt gehen! Da ist natürlich ein 100-prozentig sicheres Dach von höchster Bedeutung."
Bei Sturm ist das Schadenspotential am höchsten!
In den letzten 30 Jahren wurde eine deutliche Zunahme der Stürme und Orkane in unserem Land ausgemacht. So liegt das Schadenspotential bei Hagel bei rund 5 Mrd. DM, bei Sturm ist dies aber nochmals höher. Auch hier konnte festgestellt werden, dass ein Flachdach im Vergleich zu anderen Dachformen nicht so sehr der möglichen Beschädigung durch Sturm unterliegt.
Industrie stellt sich den Aufgaben von Morgen - vdd, Industrie und Dachdeckerhandwerk - Hand in Hand in die Zukunft?
Der Dachbegrünung misst die Industrie immer noch die größten Chancen beim Wachstum bei. "Eine Pflanze, die leider immer noch zu wenig wächst", so der vdd Vorstandsvorsitzende Bauder. Im Expertengespräch wurde auch auf die explizite "Sturmsicherheit" vom Gründach hingewiesen. So ist nach Angaben von Bauder bei der Orkan-Katastrophe "Lothar" Ende 1999 kein einziger Schaden im Gründachbereich bekannt geworden. Weiter wies er auf die Energieeinsparungsverordnung hin. Bei der Sanierung von Flachdachabdichtungen muss gemäß der bestehenden Wärmeschutzverordnung bzw. der in Kürze erscheinenden Energieeinsparverordnung in aller Regel zusätzlich Wärmedämmung aufgebracht werden. Da die Einhaltung dieser Verordnung bei Reparatur- und Sanierungsmaßnahmen nicht kontrolliert wird, unterbleibt diese sinnvolle Maßnahme sehr oft. Gerade da, wo Kosten entstehen, hört oft das ökologische Gewissen des Bauwerkeigentümers auf. Ein weiterer Faktor für ein zukunftsträchtiges Dach sieht Dr. Berz im Komfort von grünen Dächern. Im Zuge der immer heißer werdenden Sommer und steigenden Gefahren von Hitzewellen sprach er dem "kühlenden" Gründach einen großen Nutzwert zu. Gerade bei diesem Thema sieht er in Zukunft für die Bitumendachbahnenindustrie gute Vermarktungschancen.
Mehr Aufklärung und Wissenstransfer für den verarbeitenden Betrieb. Vorteile für den Bauherrn transparenter machen.
Qualität fängt im Kopf an - nicht nur Normen werden zu besseren Dächern führen, sondern der Qualitätsanspruch bei Planern, Architekten, Verarbeitern und vor allem bei Bauherren muss steigen. "Heutzutage fällt ein großes Beratungspotential dem ausführenden Handwerksmeister zu", so vdd Vorstandsmitglied Robert von Rüden; nach seinen Aussagen muß hier ein besserer Wissenstransfer zwischen Industrie, Handwerk und Öffentlichkeit stattfinden. Weiter fordert der rührige Unternehmer eine bessere Ausbildung - auch an den Universitäten und Fachschulen. Die Vorteile für ein langlebiges Qualitätsflachdach oder eine fachgerechte Sanierung müsse dem Bauherrn transparenter gemacht werden, auch die Verbände seien hier gefordert.
Das vom vdd initiierte aktuelle Thema: "Klimaveränderung", ist der richtige Weg fürs Zukunftsdach!
In Zukunft will man beim vdd eine "Argumentationsverstärkung" für alle Bereiche erarbeiten und noch mehr den Dialog zwischen Industrie, Architekten, Verarbeitern und Bauherren fördern. Im gemeinsamen Gespräch wurde angemerkt, dass die Bauwerksqualität beim Flachdach heute schon für nur durchschnittlich rund 5 bis 10 Euro Mehrkosten pro Quadratmeter deutlich sicherer gemacht werden könne. Elke Herbst, Chefredakteurin vom DDH, forderte zu diesem Thema: "Aufklärungsarbeit für den Endkunden und das auf breiter Front." Nach ihrer Ansicht sei das ein guter Lösungsansatz. Sie unterstrich auch das Argument, dass Verbände, Industrie und Dachdeckerhandwerk intensiver für einen gemeinsamen Markt zusammenarbeiten müssen. Im Expertentalk wurde die Zusammenarbeit als "Chanceninitiative" für die beteiligten Partner bezeichnet. Herbst stellte klar heraus: "Eine Chanceninitiative rund um das Bauteil Dach geht nur gemeinsam." Die aktuelle Diskussion um die allgemeine "Klimaveränderung", so wie vom vdd Industrieverband Bitumen-Dach- und Dichtungsbahnen e.V. angeregt, ist ein richtiger Weg.
Teilnehmer des vdd-Expertenfrühstücks, Berlin 2001:
Dipl.- Meteorologe Dr.-rer. nat. Gerhard Berz
Berz leitet seit 1974 die Forschungsgruppe "Geowissenschaften" der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft. Das Unternehmen ist weltweit die Nummer eins in der Branche. Er ist Mitglied der Direktion und gehört überdies zahlreichen wissenschaftlichen Gremien an.
Dipl.-rer pol. Bert A. Haushofer
Haushofer ist seit rund 40 Jahren im Bereich der Anwendungstechnik tätig, war zwölf Jahre lang Sprecher der Geschäftsführung der VEDAG und wechselte dann in den Beirat. Er ist Obmann des Normenausschusses DIN 18 531. Außerdem ist er Ehrenvorsitzender des Internationalen Abdichtungsverbandes IAV. Beim vdd Industrieverband Bitumen-Dach- und Dichtungsbahnen e.V. leitet er als Sprecher den Ausschuss für Öffentlichkeitsarbeit.
Elke Herbst
Elke Herbst ist seit 1984 Redakteurin und seit 2000 Chefredakteurin der Zeitschrift DDH, "Das Dachdecker-Handwerk". DDH ist das offizielle Organ des Zentralverbandes des Deutschen Dachdeckerhandwerks.
Paul-Hermann Bauder
Bauder ist Geschäftsführer und Gesellschafter der Firma Paul Bauder GmbH & Co. in Stuttgart. Seit 1984 ist er im Vorstand des vdd und wurde 1999 zum Vorstandsvorsitzenden des vdd gewählt.
Robert von Rüden
vdd Vorstandsmitglied Robert von Rüden ist Geschäftsführer und Gesellschafter der KLEWA-Wahlbacher Dachbahnenfabrik bei Siegen. Robert von Rüden gehört seit 1985 dem Vorstand des vdd an.
Dipl. Ing. Günter Höltken
Höltken ist Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft der Bitumen-Industrie e.V. in Hamburg. Bei Fragen rund um Bitumen gilt er als engagierter Experte.
Dr. Rainer Henseleit
Seit 1999 leitet der promovierte Chemiker die Geschicke der Geschäftsstelle des Industrieverbandes in Frankfurt. Henseleit ist als Geschäftsführer vom vdd u.a. für die Kommunikation nach innen und aussen verantwortlich.

Technische Regeln 

